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Ruhiggestellt ist nicht reguliert – Dauerbremsen macht Hunde nicht entspannter

In Teilen der modernen Hundetrainer-Szene hat sich ein Trend zur „maximalen Ruhe“ etabliert: Hunde sollen möglichst dauerhaft in einem niedrigen Erregungsniveau gehalten werden. Wird der Hund schneller, lauter, zuversichtlicher oder sein Blick intensiver, wird häufig sofort geblockt, gedeckelt oder die Übung abgebrochen – mit der Begründung, dies sei notwendige „Führung“. Aus verhaltensbiologischer Sicht greift dieses Vorgehen jedoch zu kurz. Emotionale Regulation entsteht nicht durch reine Unterdrückung von Erregung, sondern durch das Erlernen flexibler Strategien im Umgang mit ihr. Ein Hund, der nie „hochfahren“ darf, lernt nicht, wie er wieder sicher herunterkommt.

Die Biologie hinter der „Flitzphase“

Reagiert ein Hund – insbesondere aus Arbeits- oder Jagdhundelinien – auf einen relevanten Reiz (Ballwurf, Duftspur, Artgenosse), wird das sympathische Nervensystem aktiviert. Der Organismus schüttet unter anderem Adrenalin und Noradrenalin aus, die den Herzschlag beschleunigen, die Muskeln mit Energie versorgen und die Sinne schärfen. Cortisol folgt als längerfristiger Stressregulator, der den Stoffwechsel anpasst. Dies ist die klassische fight-flight-freeze-Stressreaktion, die Hunde evolutionär auf hohe physische Belastungen vorbereitet

Zwei Aspekte sind dabei in der Praxis wichtig:

  • Metabolische Entladung: Die durch diese Hormone bereitgestellte Energie (z. B. freigesetzte Glukose) ist darauf ausgelegt, durch Bewegung verbraucht zu werden. Viele Hunde erleben nach intensiven Trainingseinheiten oder emotionalen Höhepunkten sogenannte „Zoomies“ – explosive Sprintphasen, die wie ein natürliches Ventil wirken. Nach solchen Ausbrüchen finden Hunde oft schneller zurück in ein physiologisches Gleichgewicht, da die biochemische Aktivierung körperlich abgebaut wurde. Ein Beispiel: Der Jagdhund, der nach einer erfolgreichen Suche minutenlang durch die Wiese flitzt, wirkt danach oft entspannter als vor der Aktivierung.
  • Das „Kessel-Prinzip“: Wird ein Hund in einem Zustand hoher innerer Aktivierung konsequent in seiner äusseren Bewegung blockiert (hartes Stoppsignal ohne Auslauf), kann die Erregung im Nervensystem bestehen bleiben oder sich sogar weiter aufschaukeln. Die physiologische „Überhitzung“ findet kein Ventil, und der Hund reagiert bei der nächsten Kleinigkeit übertrieben – ein lautes Geräusch, ein vorbeilaufender Radfahrer. Plötzlich „läuft er über“: Japsen, Zittern, Fixierung. Das ist oft kein Ungehorsam, sondern ein System, das keinen gesunden Abbauweg fand.

Warum positiv motivierte „Hochfahr-Phasen“ wichtig sind

Hunde sind keine Maschinen, die man beliebig herunterregeln kann. Aus ethologischer Perspektive gehören positiv motivierte Hochfahr-Phasen wie freies Spiel, Jagdsimulation oder die bekannten „Zoomies“ zu einem normalen, gesunden Verhaltensrepertoire. Sie dienen nicht nur der Energieentladung, sondern fördern auch die psychische Resilienz. Studien zum Arousal-Level (Erregungsniveau) zeigen, dass moderate bis hohe Erregung die Lernfähigkeit steigern kann – solange der Hund Strategien zur Selbstregulation hat (vgl. Yerkes-Dodson-Kurve).

Wichtige Stichworte sind hier:

  • Selbstwirksamkeit: Ein Hund sollte erleben dürfen, dass er seine Energie kontextangemessen einsetzen kann. In einem sicheren eingezäunten Platz, wo er einmal „aus dem Vollen schöpfen“ darf, lernt er, dass Auspowern okay ist – und dass er danach wieder zur Ruhe kommt. Ohne diese Erfahrungen fehlt die Grundlage für Vertrauen in eigene Kontrollfähigkeiten.
  • Affektive Regulation: Ein souveräner Hund ist nicht derjenige, der nie hochfährt, sondern der, der nach Phasen hoher Erregung (z. B. nach einem intensiven Apport) wieder eigenständig in ein funktionales Niveau zurückfindet. Selbstregulatorische Verhaltensweisen wie Schütteln, Gähnen, Schnüffeln oder kurzes Weglaufen sind hier entscheidend – sie müssen erlernt und geübt werden.

Dieses sichtbare Ausdrucksverhalten – nennen wir es der Einfachheit halber „Lebensfreude“ – ist kein Luxus, sondern Teil eines gesunden emotionalen Systems. Ein Hund, der nie jubeln oder explodieren darf, bleibt in seiner expressiven Bandbreite eingeschränkt.

Die Ausnahme-Regel: Management statt pauschales Verbot

Natürlich kann unkontrolliertes „Ballern“ problematisch und gefährlich sein – etwa gegenüber Menschen, Artgenossen oder im Jagdkontext (Wild, Katzen). Besonders bei körperlich starken Typen wie vielen Molossern, Kangals oder bei Hunden mit ausgeprägtem Aggressionsverhalten steht Sicherheit immer an erster Stelle – vor Trainingsphilosophie.

Die Lösung liegt jedoch nicht darin, Energie grundsätzlich zu verbieten, sondern darin, sichere Ventile zu schaffen und Übergänge zu trainieren:

  • Räumlich sichere Settings: Eingezäunte Areale, Trainingshallen oder bewachsene Wiesen, in denen der Hund gezielt rennen, toben, buddeln oder mit Artgenossen balgen darf – kontrolliert und sicher „die Sau rauslassen“. Hier entsteht positive Assoziation: Hohe Energie = Spass und Sicherheit.
  • Geübte Übergänge: Im Training steht nicht im Vordergrund, dass der Hund gar nicht rennt, sondern dass er nach Phasen hoher Erregung ansprechbar bleibt und wieder in kooperatives Verhalten zurückfinden kann (Rückruf, Stoppsignal, gemeinsames Runterfahren).

Fazit: Resiliente Hunde statt dauerhaft „gedeckelt“

Wer seinen Hund dauerhaft deckelt und jede Form von Hochfahrt verhindert, erzeugt unter Umständen einen äusserlich sehr „braven“ Hund – riskiert aber gleichzeitig eine eingeschränkte Emotions- und Verhaltensflexibilität. Chronische Unterdrückung natürlicher Bewältigungsverhalten kann zu Frustration, Überreaktivität oder emotionaler Abstumpfung führen. Professionelles Training sollte das Ziel haben, Hunden Kompetenzen zur Steuerung ihrer eigenen Erregung zu vermitteln, statt Erregung pauschal zu unterdrücken.

Hunde brauchen Gelegenheiten, sich körperlich zu spüren, ihre Grenzen zu testen und unterschiedliche Erregungszustände zu durchlaufen. Nur wer auch einmal „oben“ sein darf – in einem sicheren Rahmen –, kann belastbar lernen, wie man wieder sicher „unten“ ankommt. Das Ergebnis: Resiliente, selbstregulierende Begleiter, die nicht nur gehorchen, sondern mit Freude und Souveränität durchs Leben gehen.  

Und nur, wenn der Mensch lernt, seinen Hund wieder aus hocherregten Zuständen in einen ruhigen Zustand zu bringen, kann sicherer und souveräner mit seinem Hund im Alltag unterwegs sein.

Möchtest du konkrete Imputs und Übungen, um deinen Hund optimal aus hoher Erregung abzuholen –
z. B. mit einem gemeinsamen Rennspiel oder gezielten Nasenarbeit? Melde dich bei mir für ein individuelles Training oder Beratung

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