Akzeptieren oder Aufgeben? – Akzeptanz ist kein Aufgeben.
«Wenn dein Hund auf dem Heimweg an der Leine zieht, kannst du das für den Moment akzeptieren» oder «Wenn dein Hund in diesem Moment in die Schleppleine läuft, weil ein Reh im Gebüsch davonhuscht, sagt das nichts über mangelnde Erziehung sondern etwas darüber, wie stark seine Erregung, seine Impulse, gerade sind». Das sind Sätze, die ich nach Trainingsstunden – gerade nach Erstterminen – häufig sage. Was ich oft darauf höre? «Aber das fühlt sich an, als würde ich aufgeben».
Ich verstehe diese Reaktion. Sie ist menschlich. Denn in unserer Lernbiografie – sowohl als Mensch als auch im gängigen Hundetraining – wurde uns oft vermittelt, dass Durchhalten gleichbedeutend ist mit Konsequenz, dass Training Erfolg bedeutet und Erfolg sich vor allem in sichtbarer Veränderung äussert. Doch genau hier beginnt ein häufiges Missverständnis: Konsequenz ist nicht gleichbedeutend mit Kontrolle, und Akzeptanz ist kein Zeichen von Schwäche.
Akzeptanz ist ein aktiver Prozess
Aus psychologischer und neurobiologischer Sicht stellt Akzeptanz keinen Stillstand dar, sondern einen wichtigen Schritt im Regulationsprozess. Sie bedeutet, den aktuellen emotionalen und körperlichen Zustand des Hundes realistisch wahrzunehmen, statt ihn zu übergehen.
Ein müder Hund, der nicht mehr langsam an lockerer Leine laufen kann, zeigt keinen „Ungehorsam“. Er kommuniziert physiologische Grenzen wie Erschöpfung oder Überforderung. Ein Hund, der bellt oder Abstand sucht, reagiert auf eine emotionale Belastung. Aus Sicht der Stressphysiologie befindet er sich möglicherweise in einem Zustand erhöhter Erregung (Aktivierung der HPA-Achse), was Lernprozesse stark beeinträchtigt.
Akzeptanz heisst daher:
Den Ist-Zustand annehmen, um von dort aus gezielt und individuell weiterzuarbeiten.
Warum Akzeptanz so schwerfällt
Akzeptanz fordert uns heraus, unseren eigenen Erwartungen zu begegnen. Unseren Wunsch nach Kontrolle, nach schnellen Ergebnissen und nach dem „funktionierenden Hund“. Diese Erwartungen sind oft tief verankert in gesellschaftlichen Bildern von Erziehung und „Disziplin“.
Wenn wir akzeptieren, dass unser Hund heute etwas (noch) nicht leisten kann, bedeutet das nicht, dass Training endet. Es bedeutet, dass wir einen Moment innehalten, um wahrzunehmen, was gerade möglich ist und was nicht. Akzeptanz heisst, die aktuelle Grenze zu respektieren, damit wir von dort aus sinnvoll weiterarbeiten können.
So schaffen wir Raum für Entwicklung, statt sie zu erzwingen. Wir trainieren weiter. Aber mit einem Plan, der dem Hund entspricht, statt einem Idealbild, das ihn überfordert.
Aufgeben vs. Akzeptieren und anpassen
Der entscheidende Unterschied liegt in der Haltung:
- Aufgeben bedeutet, das Wohlbefinden des Hundes zu ignorieren und Verantwortung abzugeben.
- Akzeptieren und anpassen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – indem man Trainingsziele, Reize und Anforderungen an den aktuellen Zustand des Hundes anpasst.
Nur in physiologischer und emotionaler Sicherheit (Homöostase) kann nachhaltiges Lernen stattfinden. Überforderung führt dagegen zur Aktivierung von Stressreaktionen, die kortisolgesteuert Lernprozesse hemmen oder blockieren.
Akzeptanz als Grundlage für Veränderung
Wenn du heute akzeptierst, dass dein Hund müde oder überfordert ist, ermöglichst du morgen gezieltes Training, das auf Regeneration und Vertrauen aufbaut.
Wenn du heute wahrnimmst, dass dein Hund Raum braucht, förderst du langfristig seine Fähigkeit, mit Umweltreizen souveräner umzugehen.
Akzeptanz ist somit keine Kapitulation, sondern ein bewusster Schritt zu koordiniertem, verantwortungsbewusstem Lernen. Sie ist die Brücke zwischen Empathie und Methodik.
Vielleicht ist es Zeit, „Aufgeben“ neu zu definieren
Aufgeben bedeutet nicht, Erwartungen loszulassen. Aufgeben bedeutet, den Dialog zu beenden. Akzeptieren bedeutet zuhören, wahrnehmen, anpassen.
Und meines Erachtens ist das der nachhaltige Schritt zu verantwortungsvollem Hundetraining:
Den Hund in seinem heutigen Zustand annehmen und ihm die Bedingungen schaffen, unter denen er sich in seinem eigenen Tempo entwickeln kann.
Dazu braucht es ein geschultes Auge und ein Trainer / eine Trainerin mit Erfahrung und fundiertem Fachwissen – jemanden, der erkennt, wann Akzeptanz gefragt ist und wie Training weitergehen kann.
Hast du Fragen oder brauchst du Unterstützung: Melde dich gerne.
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