Uncategorized

Mehr als nur «Positiv-Petra»: Ein Plädoyer für Respekt und Verstand zum Jahresende

Das Jahr neigt sich dem Ende zu – eine Zeit, in der wir normalerweise zurückblicken und zur Ruhe kommen. Doch während ich diesen Beitrag zum Jahresabschluss schreibe, fällt es mir schwer, leise Töne anzuschlagen. Denn mein Rückblick auf die letzten Wochen ist geprägt von Bildern, die mich tief erschüttern.

Ich möchte dieses Jahr nicht abschliessen, ohne an dieser Stelle ein klares Statement zu setzen. Mehr noch: Ich möchte den Vorsatz für das nächste Jahr direkt hier festschreiben. Ich werde mich im kommenden Jahr noch intensiver für das Tierwohl einsetzen. Denn die aktuellen Entwicklungen in der Hunde-Bubble zeigen mir, dass wir noch lange nicht am Ziel sind.

In den sozialen Medien fluteten die letzten Wochen Videos die Feeds, in denen Hunde getreten, massiv bedrängt und mit körperlicher Gewalt in die Knie gezwungen werden. Es sind Bilder, die mich nachts wachhalten – nicht nur, weil ich Hunde liebe, sondern weil ich als Hundephysio- und Verhaltenstherapeutin genau weiss, was diese Tritte im Körper und in der Seele dieser Tiere anrichten.

Doch was mich fast genauso fassungslos macht wie die Gewalt selbst, ist die lautstarke Verteidigung solcher Methoden. Wer heute für Fairness, Respekt und Biologie plädiert, wird in den Kommentarspalten oft hämisch als «Positiv-Petra» abgetan. Es herrscht das Narrativ, man würde Hunde nur mit Leckerchen „bespassen“ und ihnen keine Grenzen setzen.

Es ist Zeit, dieses gefährliche Vorurteil zu zerschlagen: Fairness ist keine Schwäche. Sie ist die höchste Form von Professionalität.

Das Missverständnis: Bedürfnisorientierung ist kein «Laissez-faire»

Das Bild der «Wattebausch-Werfer» suggeriert, dass bedürfnisorientiert arbeitende Menschen ihren Hunden alles durchgehen lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Bedürfnisorientierung bedeutet nicht die Abwesenheit von Regeln, sondern die Anwesenheit von Verstand.

Wenn wir uns fragen: «Warum tut der Hund das?», dann ist das keine Entschuldigung für das Verhalten, sondern die einzige Möglichkeit, es nachhaltig zu verändern.

  • Wenn der Körper schreit: Ein Hund, der an der Leine ausrastet, wird oft als „dominant“ oder „frech“ abgestempelt. Doch in meinem Alltag sehe ich hinter der Fassade oft schmerzhafte Blockaden, entzündete Gelenke oder Spondylose. Ein Tritt gegen den Brustkorb oder ein Ruck am Halsband unterdrückt vielleicht kurz das Knurren, aber er schickt eine neue Welle von Schmerz durch den Körper. Wir bestrafen den Hund dafür, dass er Schmerzen hat. Das ist nicht Erziehung, das ist Grausamkeit.

  • Wenn das Gehirn im Überlebensmodus ist: Ein Hund, der in ständiger Angst vor der nächsten körperlichen Massregelung lebt, steht unter Dauerstress. Neurobiologisch gesehen ist sein Grosshirn in diesem Moment „offline“. Es regiert das Stammhirn: Kampf, Flucht oder das qualvolle Erstarren (Freeze). Ein Gehirn im Überlebensmodus kann nicht lernen. Es kann nur versuchen, den nächsten Schmerz zu vermeiden.

Wahre Stärke braucht keine Gewalt

Die Befürworter von Härte behaupten oft, man müsse dem Hund „klarmachen, wer der Herr ist“. Doch wer kompetent führt, muss nicht treten. Wahre Professionalität zeichnet sich durch ganz andere Faktoren aus:

  1. Struktur durch Sicherheit: Wir setzen Grenzen durch vorausschauendes Management und klare Kommunikation. Ein Hund braucht Orientierung, keine Einschüchterung. Dabei geht es nicht darum, Dinge mit dem Hund „auszudiskutieren“ – klare Strukturen geben dem Hund Halt, ohne ihn zu brechen. Wenn ich weiss, was mein Hund will und ihm umgekehrt klar machen kann, was und warum ich etwas von ihm will, muss ich nicht diskutieren.

  2. Die Macht der Hormone verstehen: Wir arbeiten mit der Biologie. Wir wissen, dass Cortisol (das Stresshormon) die kognitive Leistung blockiert. Ein entspannter Hund lernt schneller, effizienter und dauerhafter.

  3. Sinnvolle Auslastung statt Unterdrückung: In meiner Arbeit als Mantrailing-Trainerin erlebe ich täglich, wie Hunde über sich hinauswachsen, wenn sie eine Aufgabe bekommen, die ihren natürlichen Instinkten entspricht. Nasenarbeit baut – wenn das Training richtig aufgebaut ist – Selbstbewusstsein auf und reguliert das Nervensystem. Ein Hund, der mental gesund und körperlich schmerzfrei ist, braucht keine „eiserne Faust“.

Was tun, wenn man Gewalt begegnet?

Es ist unsere Verantwortung als Hundehalter, die Stimme für jene zu sein, die selbst nicht sprechen können. Doch was macht man konkret, wenn man mit Gewalt konfrontiert wird?

1. Auf dem Trainingsplatz: Wenn ein Trainer oder eine Trainerin Gewalt anwendet oder dich auffordert, deinen Hund körperlich zu strafen: Hör auf dein Bauchgefühl und brich ab. Du bist die Schutzperson deines Hundes. Du hast das Recht (und die Pflicht), „Nein“ zu sagen, die Leine in der Hand zu behalten und den Platz sofort zu verlassen. Kein Trainingsziel der Welt rechtfertigt den Bruch des Vertrauens zwischen dir und deinem Hund.

2. Im Alltag bei anderen Hundehaltern: Siehst du, wie jemand seinen Hund misshandelt, ist es oft schwierig. Hilft eine sachliche, aber bestimmte Ansprache: „Ich sehe, dass Sie gerade frustriert sind, aber bitte hören Sie auf, Ihren Hund zu schlagen/treten.»? Wenn die Situation eskaliert oder der Hund massiv gefährdet ist, scheue dich nicht, das Veterinäramt oder die Polizei zu informieren. Beweise (Zeugen, Videos) können hier helfen, damit rechtliche Schritte eingeleitet werden können.

Mein Fazit: 10 Jahre, die mich eines gelehrt haben

Dieser Beitrag liegt mir unendlich am Herzen, weil mir die Hunde am Herzen liegen. In meiner 10-jährigen Tätigkeit habe ich jeden Tag gelernt, wie Hunde wirklich sind: Sie sind zutiefst sensibel, hochsozial und sie besitzen eine unfassbare Loyalität – oft ertragen sie Schmerz und Leid weit über ihre Grenzen hinaus, ohne sich zu wehren. 

Gerade die sogenannten „starken Hunderassen“ oder jene Hunde, die oft vorschnell als „stur“ bezeichnet werden, sind in der Regel hochsensibel. Sie brauchen kein Gegenüber, das sich einfach nur als „Chef“ profiliert, sondern noch viel mehr Verständnis, Geduld und eine klare, aber faire Führung.

Es liegt an uns, ihnen endlich zuzuhören. Wir müssen verstehen, dass Professionalität keine Gewalt braucht. Ein bedürfnisorientierter Ansatz ist kein Trend für Weltfremde, sondern die Anwendung moderner Wissenschaft gepaart mit Empathie.

Ein Profi erkennt, wenn ein Hund Hilfe statt Härte braucht. Es ist unsere Pflicht, ihnen ein Leben zu ermöglichen, das frei von Schmerz und Angst ist. Das ist mein Versprechen für das neue Jahr. Denn dein Hund ist kein Gegner, den es zu brechen gilt. Er ist ein Partner, der darauf angewiesen ist, dass wir unsere Verantwortung mit Wissen, Souveränität und Liebe ausfüllen.

Dieser Beitrag ist mein persönlicher Jahresabschluss und ein Versprechen an das Tierwohl. Wie gehst du mit solchen Situationen um? Hast du den Mut gefunden, in Momenten von Gewalt einzuschreiten? Lass uns respektvoll in den Kommentaren darüber sprechen.

Leave a Reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert